Mit selbstgenähter Ausrüstung über die Alpen? Mein Fazit!

12. Oktober 2017   //   4 Kommentare

Hält eine selbstgenähte Ausrüstung den Strapazen einer 1800 Kilometer langen Alpenlängsdurchquerung stand? Diese Frage habe ich mir die Monate vor der Abreise oft gestellt. Auch während den ersten Wochen unterwegs, waren die Zweifel nicht vollständig ausgeräumt.

Nachdem aber meine gekaufte Wanderhose von Vaude* als Erste einen vorzeitigen Defekt anmeldete, verflüchtigten sich die Bedenken allmählich. Zumindest konnte ich nun behaupten, dass nicht eine von meinen Nähten als erste den Geist aufgegeben hatte.

107 Tage später findet das Alpendurchquerungs-Abenteuer mit dem Erreichen von Nizza sein Ende. Das ich meine 7 Sachen nicht in einer Plastiktüte ins „Ziel“ schleifen musste, stimmte mich besonders froh. In Kürze: Alle von mir genähten Ausrüstungsgegenstände haben es ohne größere Defekte ans Mittelmeer geschafft.

Mein Fazit und etwaige Verbesserungsvorschläge der wichtigsten Gegenstände habe ich in kleinen Abschnitten zusammengefasst. Ausführlichere Informationen zu den MYOG Ausrüstungsartikeln findest Du in den jeweiligen Beiträgen. Das Fazit zu meiner übrigen Wanderausrüstung findest Du in diesem Artikel.

Rucksack

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Wohl der wichtigste Gegenstand von allen. Trägt er doch alle Übrigen in seinem Inneren. Ich war zwar schon etwas länger „gestelllos“ unterwegs, doch noch nie für eine so lange Zeit. Im Endeffekt hat er hervorragend über die 1800 Kilometer gehalten. Keine Naht hat den Geist aufgegeben und große Materialdefekte gab es ebenfalls keine.

Besonders von dem X-Pac Material bin ich nach wie vor begeistert. Absolut robust, bei gleichzeitig geringem Gewicht. Kaum ein Kratzer am gesamten Hauptkorpus zu erkennen. Die elastische Fronttasche aus Funktions-Jersey hat ebenfalls recht gut gehalten. Sie hat zwar ein paar kleinere Mikrolöcher bekommen. Diese sind aber nur bei genauerem Hinsehen erkennbar.

Eine Wäsche: Die hatten die Rucksäcke nach den 3,5 Monaten mehr als nötig…

Alle Materialien waren südlich des Alpenhauptkamms über die 107 Tage extrem viel Sonne ausgesetzt. Dementsprechend deutlich ist die UV-Beständigkeit (oder eben Unbeständigkeit) zu erkennen. Die schwarze X-Pac Variante bleicht im Vergleich zu den Farbigen sehr viel weniger aus. Das schwarze 70D Ripstop-Nylon ist hingegen nur noch ein Schatten seiner selbst. Es hat mich aber auch im Allgemeinen als Rucksack-Material enttäuscht. Bei heftigem Regen hält es zwar weitestgehend dicht, sackt, wie bei Silnylon üblich, jedoch stark in sich zusammen. Als stabiler Extension-Collar war es somit eher weniger geeignet. Auch lösten sich an einigen Stellen schon Teile der Silikonbeschichtung ab.

Schnallen, Gurtbänder, Kordeln und sonstige Komponenten haben die Zeit aber unbeschadet überstanden. Der Tragekomfort mit Hüft- und Brustgurt war sehr gut. Auf eine kompakte und angepasste Packweise muss aber trotzdem jeden Tag geachtet werden. Gute Möglichkeiten zur Stabilisierung sind wie bei jedem UL-Rucksack: Isomatte (Schaumstoff gerollt, oder gefaltete NeoAir), Groundsheet aus Hardstructure Tyvek, Sitzkissen.

Tarp Zelt und Innenzelt

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Mit circa 15% der Nächte haben wir weniger unter freiem Himmel geschlafen als geplant. Trotzdem habe ich eine guten Eindruck vom 577 Gramm leichten Pyramiden Tarp Zelt und dem Innenzelt gewonnen. Von heftigen Gewitter- und Regengüssen bis hin zu lauen, aber mückenreichen Sommernächten, haben wir ein breites Spektrum unter dem Shelter erlebt.

Am besten hat mir das geräumige Platzangebot unter dem Tarp gefallen. Zu Zweit war selbst mit der kompletten Ausrüstung noch genügend Platz zum Kochen und Kartenspielen übrig. Die meisten Nächte haben wir es ohne Innenzelt aufgespannt, da das Naturerlebnis schöner und die Bewegungsfreiheit größer ist. Nur bei akutem Stechmückenalarm kam der Insektenschutz zum Einsatz. Kondensation hatten wir dank der guten Durchlüftung und offenen Konstruktion nur relativ selten.

Trotz sehr strammer Abspannung haben alle Nähte gehalten. Regen ist nur ein einziges Mal durch die geöffnete Belüftungsöffnung an der Spitze eingedrungen. Das nächste Mal würde ich diese komplett weglassen. Ansonsten war der Regen-, Wind- und Wetterschutz tadellos. Selbst starke Windböen haben das Tarp Zelt nicht in die Knie gezwungen. Bei erwartetem Regen sollte es aber tief genug abgespannt werden. In den Dolomiten hat mir ein Gewittersturm durch den großen Spalt am Boden Regen ins Gesicht geweht.

Die vier zusätzlichen Abspannpunkte auf den Außenflächen haben sich ebenfalls bewährt. Sie schaffen mehr Kopffreiheit und verhindern zusätzlich, dass man Nachts mit dem Schlafsack an die Innenseite stößt. Mit dem Innenzelt war ich zwar auch zufrieden, jedoch war das Platzangebot etwas beschränkt. Vor allem, da es nur in einer Hälfte des Außenzelts aufgespannt werden kann. Der mittige Stock steht das etwas im Weg. Ein separater Artikel zum Nähen des Innenzelt folgt noch.

Windjacke

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Wenig negatives gibt es über die Windjacke zu berichten. Zuhause hatte ich die hoch belasteten Stellen noch mit einer zusätzlichen Naht verstärkt. Das hat sich bezahlt gemacht. Denn die Nähte in dem ultradünne Material sind relativ empfindlich. Dennoch hat es das Shirt bis nach Nizza geschafft. Wieder zuhause, trage ich es an kalten Tagen beim Laufen oder Trailrunning.

Für eine längere Wanderung würde ich das Shirt aber nicht mehr mitnehmen. Denn die meiste Zeit habe ich meine Hardshelljacke als Windbreaker am Gipfel getragen. Das 78 g leichte Windshirt hat einen Großteil der Zeit daher im Inneren des Rucksacks gefristet.

Windjacke
Die Windjacke an der Grenze zu Südtirol

Regenhose

Zum eigenständigen Artikel (folgt)

Die Regenhosen habe ich recht kurzfristig vor unserer Abreise noch geschneidert. Sie sind 3/4 lang und haben über fast die gesamte Länge der Außenseiten einen wasserabweisenden Reißverschluss. Das Vereinfacht das Ein- und Austeigen mit den Wanderschuhen deutlich. Sie bestehen aus 20D Silnylon und werden mithilfe einer elastischen Kordel am Bund fixiert.

Warum aber jetzt eine Regenhose, nachdem ich erst einen Regenkilt genähte habe?

Regen in Kombination mit starken Wind traute ich dem Kilt einfach nicht zu. Und da diese Verhältnisse in den Alpen nicht selten sind, entschied ich mich eine ultraleichte Variante einer Regenhose selbst zu nähen. Die Waage bliebt schlussendlich bei 67 Gramm stehen. In Anbetracht der Tatsache, dass es nur an 6 von 107 Wandertagen während dem Wandern geregnet hat, war die Arbeit vielleicht etwas übertrieben.

Generell bin ich jedoch super zufrieden mit den Hosen. Sie haben auch ohne Nahtabdichtung vollkommen dicht gehalten. Als Windbreaker am Gipfel haben sie sich ebenfalls bewährt. Von Atmungsaktivität kann bei beschichtetem 20D Ripstop Nylon natürlich kaum die Rede sein. Durch die langen Reißverschlüsse, ließ sich das Klima jedoch etwas verbessern.

Hüttenschlafsack

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Fast jede Nacht bin ich in ihn reingeschlüpft. Meinen Hüttenschlafsack. Das 95 Gramm leichte Inlett aus Fallschirmseide war mein Begleiter auf Hütten, in Posto Tappas, Gite d’etapes oder in meinem Daunenquilt. Meist aus hygienischen Gründen. Obwohl die Fallschirmseide eine Kunstfaser ist, war das Hautgefühl angenehm.

Die französischen Nähte haben bis jetzt auch noch keinen Fehler gezeigt und alle Teile stabil zusammengehalten. Im Stoff selber gab es einige Webfehler. Die haben sich aber nicht negativ auf die Haltbarkeit des Inletts ausgewirkt. Besonderer Vorteil des leichten Gewebes: Es trocknet nach der Handwäsche innerhalb von 30 Minuten wieder.

Im Fußbereich haben sich mit der Zeit einige Knötchen gebildet und der Stoff ist dort rauer und die Webung lockerer geworden. Für reine Hüttentouren wäre zudem ein richtiges Kissenfach am Kopfteil sicherlich praktischer gewesen. Das Mehrgewicht von 10 Gramm würde ich dafür auch in Kauf nehmen. Das wird eventuell noch „nachgerüstet“.

Fazit zur selbst genähten Ausrüstung

Auch wenn nicht jedes Teil täglich genutzt wurde, bin ich sehr froh, dass alle selbst genähten Ausrüstungsgegenstände heil in Nizza angekommen sind. Ein aufwändiges Tarp Zelt würde ich mir persönlich nicht noch einmal nähen. Der Planungsaufwand und die Umsetzung war mir etwas zu hoch. Rucksäcke werden aber auf jeden Fall wieder entstehen. Das habe ich sogar etwas vermisst auf der Wanderung, muss ich gestehen. Daher sind in den 4 Wochen seit unserer Rückkehr auch schon 3 neue Exemplare der Nähmaschine entstiegen!

Windjacke, Regenhose und Hüttenschlafsack halten hoffentlich noch eine Weile. Aber da bin ich trotz der super dünnen Materialien zuversichtlich. Sofern es zu einzelnen Stücken noch keinen eigenen Artikel gibt, werde ich diese in naher Zukunft nachliefern.

Warst Du auch schon mit selbst genähter Ausrüstung auf Tour?

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Wer schreibt hier?

Ich bin Alex. Im Sommer 2014 habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin auf der Suche nach einer Auszeit auf dem Traumpfad von München nach Venedig über die Alpen gewandert. Nach diesen 34 Tagen waren die Berge und das (Fern-)Wandern einfach nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Heute bin ich immer dann am glücklichsten, wenn der Rucksack gepackt ist und ich wieder auf Tour gehe. Ich bin chronisch neugierig, interessiere mich für fast alle Arten von Outdoor-Ausrüstung und Outdoor-Tipps. Und das was ich dabei so alles lerne, möchte ich mit Dir hier auf BergReif teilen!

4 Kommentare

  1. Hallo Alex,

    schöne Reviews zu deinen selbstgenähten Gegenständen. Ziemlich beeindruckend, was man doch alles selber so machen kann. Top..

    Bert

  2. Hi Alex,

    vielen Dank für deine Artikel! Du schreibst, dass du das Tarpzelt nicht noch einmal nähen würdest. Was würdest du denn als Alternative mitnehmen?
    Schöne Grüße,
    Manuel

    1. Hi Manuel,

      also das Tarpzelt würde ich trotzdem wieder mitnehmen, aber ein Zweites würde ich nicht noch einmal nähen ;) War wohl etwas missverständlich ausgedrückt. Mit der Funktion bin ich nämlich super zufrieden. Als Alternative näh ich eventuell mal ein ganz leichtes A-Frame Tarp aus Dyneema Composite Fabric.

      LG Alex

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