3 Erkenntnisse die mich das Fernwandern lehrte

16. Oktober 2017   //   8 Kommentare
Fernwandern Fernwanderung Erkenntnisse

Was nimmt man eigentlich mit, vom Fernwandern? Gibt es Erkenntnisse, die von einer mehrmonatigen Fernwanderung mit in den Alltag übergehen?

Eine Frage, die ich in aller Kürze mit „Ja“ beantworten kann. Wie das dann etwas konkreter aussieht, habe ich versucht in diesem Artikel in Worte zu fassen. Dabei haben sich drei ganz konkrete Themen für mich herauskristallisiert.

3 Erkenntnisse die mich das Fernwandern lehrte

Beginnen möchte ich nun mit einem, von dem ich dachte, dass ich es eigentlich schon immer besitze:

Gelassenheit – Die Dinge werden sich fügen

Wie oft ärgert man sich darüber, dass gewisse Dinge nicht so eingetreten sind, wie sie geplant waren? Dass dieser Ärger oft ziemlich überflüssig ist, zeigte sich mir auf der Alpenlängsdurchquerung durch die folgende Geschichte:

Unbedingt wollte ich die Drei-Zinnen sehen. Oft hatte ich die berühmten Berge auf Bildern, Plakaten oder als Darsteller in Kletterdokumentationen bewundert. Somit stand für mich schon bei der Planung der Alpenduchquerung fest: Die Route wird uns in jedem Fall vorbei an diesen Felsformationen führen!

Auch eine Übernachtung auf der gleichnamigem Alpenvereinshütte stellt ich mir in diesem Zusammenhang vor. Die Drei-Zinnen in Abend- und Morgenstimmung: Das lässt sich nur mit einer Nacht auf dieser Hütte verbinden, war ich mir sicher. In Sexten googelte ich also kurz wie viele Schlafplätze das Rifugio Innerkofler denn bereitstellt. Üppige 160 war das Resultat der Recherche. Reservieren brauchen wir dann also nicht, dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn.

Als AV-Mitglieder wird man ja sowieso einen Schlafplatz dort bekommen.

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Die Drei Zinnen und die gleichnamige Hütte in den Dolomiten

Nach erfolgreicher Bewunderung der einmaligen Bergkulisse auf knapp 2400 Metern, begab ich mich zur Schlafplatzvergabe an den Tresen der Hütte. Dort wurde mir dann vom Hüttenteam kurz und unmissverständlich mitgeteilt, dass auch für AV-Mitglieder heute auf keinen Fall ein Bett oder eine Matratze zur Verfügung stehen würde. Genauso wie eigentlich an allen Wochenenden in den nächsten 3 Monaten…Wie auch in jedem der im Umkreis liegenden Rifugio’s.

Grollend und schlecht gelaunt ging es anschließend wieder zurück ins Tal. Während sich die erste Hälfte meiner traumhaften Vorstellung erfüllt hatte, zerplatze die Andere innerhalb weniger Sekunden. Außerdem schien die folgende Dolomiten Durchquerung immer unwahrscheinlicher zu werden. Ich fühlte mich wie ein 5-Jähriger, dem man sein mit Sahne und Schokosoße überzogenes Geburtstags-Eis geklaut hatte. Gebückt über drei 50.000er Wanderkarten rauften wir uns stundenlang die Haare auf der Suche nach alternativen Wegen in die Südtiroler Landeshauptstadt.

Schlussendlich wanderten wir auf einsamen Pfaden über den Pragser Wildsee zur Schlüterhütte. Wir durchqueren die Puez-Geißler-Gruppe genauso wie das eindrucksvolle Sella-Massiv. Wir erlebten den Sonnenuntergang auf 2300 Metern und den Sonnenaufgang auf 3152 Metern. Rückblickend gehörten diese 4 Tage mit zu den Schönsten der knapp 4-monatigen Fernwanderung. Was mit dem Ärger über einen vermeintlichen Verlust begann, entwickelte sich zu einer unvergesslichen Wanderung, die viel mehr als eine notdürftige Alternative war.

Anstatt des geklauten Eis, gab es nun Pizza, Lasagne und Tiramisu für den kleinen Alex.

Das war nur eine von vielen Situationen, welche komplett anders verlief als vorher geplant. Im Laufe des Weges haben wir aber gelernt damit besser umzugehen. Uns von den „Rückschlägen“ nicht demotivieren zu lassen, sondern erwartungsvoll und neugierig auf die Alternativen zu blicken. Viele Umstände lassen sich sowieso nicht zu ändern. Schlechtwetter, Verletzungen oder unerwartete Wanderer-Ansammlungen wollen in der Situation gemeistert werden. Das perfekte Abenteuer lässt sich nicht im Vorhinein planen.

„Es gibt nur ein Mittel, sich wohl zu fühlen: Man muß lernen, mit dem Gegebenen zufrieden zu sein und nicht immer das verlangen, was gerade fehlt.“

Theodor Fontane

Weniger ist mehr – Nicht nur beim Fernwandern

Wie viele Dinge braucht man in den eigenen vier Wänden eigentlich wirklich, wenn man in knapp 4 Monaten Fernwanderung mit nur einem kleinen Rucksack auskommt?

In dieser Zeit hat es mir weder an materiellen Dingen gemangelt, noch habe ich irgendetwas vermisst. Zudem war ich so glücklich wie selten in meinem Leben. Die Frage: Was ziehe ich heute bloß an? beantwortete sich mit immer dem gleichen Satz: Das was ich jeden Tag trage. Die radikale Reduzierung des temporären Besitz auf nur das absolut Wesentliche, führt zu der Erkenntnis, wie viel Ballast eigentlich in der eignen Wohnung verstaubt.

Und das, obwohl eine alpine Fernwanderung deutlich größere Anforderungen an die Wetter- und Isolationsfestigkeit der Bekleidung stellt, als der übliche Arbeitsweg in der Großtstadt. Trotz -5°C, eisigen Winden auf 3538 Meter hohen Gipfeln, südeuropäischer Hitze, Dauersonnenbestrahlung und alpinen Gewitterstürmen passt die notwendige Ausrüstung in einen 40 Liter fassenden Rucksack.

Jeder Gegenstand im Inneren dieses Rucksacks besitzt eine oder mehrere Aufgaben. Nichts ist überflüssig. Das hat gleichzeitig zu einer ganz anderen Wertschätzung der einzelnen Dinge geführt. Was nicht in einer gefühlsmäßigen Abhängigkeit, sondern vielmehr einem behutsamen Umgang mit jedem einzelnen Gegenstand resultiert.

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Mein Hausrat für 4 Monate im Rucksack verpackt

Denn ein Neukauf ist im Gebirge nicht immer so einfach möglich. Ein Defekt hat somit zuerst eine Reparatur zur Folge. Nadel, Faden und Panzertape kamen häufiger zum Einsatz, als das Zuhause üblich war. Die Schuhe wurden getragen bis die Sohle abgelaufen war, Löcher im Shirt per Hand geflickt und der undichte Wasserfilter wieder geklebt.

Nur mit dem Inhalt eines kleinen Rucksacks auszukommen, empfinde ich jedes Mal aufs Neue als sehr befreiend. Es macht mobil, spontan und reduziert ungewünschte Ablenkung. Selbst meine Tätigkeit als freier Autor konnte ich allein mithilfe meines Smartphones überraschend umfangreich ausführen. Dabei verändert die Zeitspanne der Fernwanderung nicht den Inhalt des Rucksacks. Ob 1 Woche oder 16: Ich packe für beide Touren die selben Dinge ein.

Auch wenn ich meinen Hausstand über die Jahre immer weiter reduziert habe, hat mich das Fernwandern dieses Jahr erneut motiviert, mich von überflüssigen Dingen zu verabschieden. Von unliebsamen Zeitfressern, um neben der Berufstätigkeit häufiger raus in die Natur zu kommen. Denn nach 107 Tagen in den Bergen, jeden Tag wieder im Büro zu verbringen, ist jetzt einfach schwer vorstellbar.

„Nie ist zu wenig, was genügt.“

Seneca

Im Moment leben

Wie wird das Wetter wohl morgen werden?
Wird es genügend freie Schlafplätze auf der Hütte geben?
Und wieso hat sich Michael letztens eigentlich so unverschämt verhalten?

Theoretisch gibt es genügend Gründe sich jeden Tag aufs Neue Sorgen zu machen. Häufig war ich mit meinen Gedanken schon drei Schritte in der Zukunft oder habe über Ereignisse aus der Vergangenheit nachgegrübelt. Auch in den ersten Tagen der Alpenüberquerung. Das Genießen des Jetzt und der aktuelle Moment, bekamen so natürlich zu wenig Beachtung.

Anstatt den weichen Waldboden, die warme Frühlingsbrise, das körperliche Wohlbefinden oder die endlose Freiheit bewusst wahrzunehmen, diskutierte ich in Gedanken lieber mit anderen Personen, über längst vergangene Probleme. Probleme oder Sorgen die den aktuellen Moment meist in kleinster Weise betreffen.

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Die sich durch ständiges Nachdenken und Grübeln auch nicht lösen lassen. Gemeint ist dabei nicht der konstruktive Denkprozess an konkreten Problemen. Sondern das „sich sorgen“ und Abdriften in unsinnige Denkmuster. Irgendwann ist mir bewusst geworden, dass mich die gedankliche Diskussion mit Michael über einen unpassenden Kommentar auch keinen Schritt weiter bringt.

Warum sollte ich mich also weiter damit belasten?

Es umgeben mich doch so viele wunderbare Dinge, die meine Aufmerksamkeit viel mehr verdient hätten. Fernblicke die genossen werden möchten, körperliche Anstrengung die erlebt werden will und kleinste Lebewesen am Wegesrand, die ich beobachten kann. Sich von diesen teils negativen Denkstrukturen zu lösen, ist jedoch nicht wirklich einfach.

Aber beim Fernwandern fällt es zumindest mir deutlich leichter, für einige Zeit den Kopf einmal wirklich abzuschalten. Ihn frei zu machen vom ständigen Gedankenstrom und nur noch zu beobachten. Gerade in Kombination mit dem ersten Punkt, der Gelassenheit, führte das zu einem beständigen Gefühl der Zufriedenheit. Die körperliche Anstrengung, viel frische Luft, extreme Wettersituationen und wahnsinnige Ausblicke zwingen einen fast dazu, sich unabgelenkt im Hier und Jetzt zu bewegen.

Zurück im Alltag und Berufsleben ist dieses bewusste Wahrnehmen des Moments nicht mehr ganz so einfach. Dennoch versuche ich mich bei den ersten Anzeichen von Herbstblues daruaf zu besinnen, dass es mir doch wirklich hervorragend geht und ich keinen Grund zu klagen habe.

Denn wenn ich etwas gelernt habe auf dieser Fernwanderung, dann das materieller Besitz nicht meine Quelle von Glück und Zufriedenheit sind. Viel Bewegung in der Natur, ein trockenes Bett, genügend zu Essen und ab und an eine warme Dusche hat mir absolut gereicht!

„Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklichsein ist der Weg.“

Siddhartha Gautama Buddha

Mehr Erkenntnisse über das Fernwandern

Aber nicht nur ich habe einige Erkenntnisse beim Fernwandern gehabt! Auch Christof von Einfachbewusst hat viele Dinge durch seine tausende Kilometer umfassendeWanderbiografie gelernt. Hier findest Du seine 32 Wichtigsten.

Was hast Du von Fernwanderungen für den Alltag mitgenommen?

 

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Wer schreibt hier?

Ich bin Alex. Im Sommer 2014 habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin auf der Suche nach einer Auszeit auf dem Traumpfad von München nach Venedig über die Alpen gewandert. Nach diesen 34 Tagen waren die Berge und das (Fern-)Wandern einfach nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Heute bin ich immer dann am glücklichsten, wenn der Rucksack gepackt ist und ich wieder auf Tour gehe. Ich bin chronisch neugierig, interessiere mich für fast alle Arten von Outdoor-Ausrüstung und Outdoor-Tipps. Und das was ich dabei so alles lerne, möchte ich mit Dir hier auf BergReif teilen!

8 Kommentare

  1. Habe mir gerade das eBook über deinen Jakobsweg heruntergeladen, ja und was ich dann auf den Tolino zu sehen bekam war dann doch nicht so ganz OK. Die schrift lässt sich nicht in der Größe verstellen was erst mal gar nicht so gut ist, aber noch schlimmer ist das die Schrift nicht schwarz ist und somit die kleine Schrift fast nicht zu erkennen ist. Schade du hast dir da echt große Mühe gegenen aber der Reader kann es nur ungenügend wiedergeben. Etwas besser aber auch nicht so ganz ideal was den Kontrast angeht ist das große PDF Format.
    Immer wieder spannend deine Berichte zu lesen, es macht Freude auch auf deinen Block über deine Erfahrungen zu lesen. DANKE für deine Zeit die du zum Nutzen der Allgemeinheit tust.
    Dietmar Steinigen

    1. Hi Dietmar,

      danke für dein Feedback!
      Auch dem Tolino habe ich das eBook leider nicht testen können. Auf allen Kindle Versionen sah das eBook gut aus. Auch die Schrift ließ sich problemlos in der Größe verändern, ebenso wie der Kontrast. Vielleicht ist das Format für den Tolino nicht so richtig geeignet!?

      LG Alex

  2. Lieber Alex!
    Ich danke Dir so sehr, dass Du Deine wundervollen Erfahrungen und Einsichten mit anderen teilst, man kann davon nur gewinnen…!
    Deine Berichte und Tipps lese ich immer sehr gerne und habe auch schon einige Deiner Ratschläge
    umgesetzt.
    Ich freue mich schon auf den nächsten Newsletter!
    Herzliche Grüße aus dem schönen Odenwald von Ina

  3. Prima Einblick in deine „Gedankenwelt“, bei einigen Sachen denkt man fast, das man in einem Spiegel schaut.

    Ich kann lediglich auf 4 Tage Malerweg als „größere“ Wandererfahrung zurück blicken und doch sind mir deine Gedanken nicht fern. Ich bin weit davon mich als Minimalist zu bezeichnen (werde es wohl auch nie werden), aber bereits das einfache reduzieren in einigen Dingen ist irgendwie ein gutes Gefühl.

    Kleiderschrank, Bücherregal und CD Sammlung schrumpfen, mein Konsumverhalten hat sich dahingehend geändert, das ich einfach nicht mehr jeden Angebot hinterher hächle, sondern überlege, ob es sinnvoll ist, 3 Shirts zu haben die dem selben Zweck dienen. Und bei allem, und das ist das erstaunliche daran, ich habe bisher nichts vermisst…

    Toll geschrieben…

    Bert

    1. Hallo Bert,

      danke für deine Ergänzungen!
      Es freut mich immer, wenn auch andere die Erfahrung machen, dass sich während und nach dem Reduzieren ein gutes Gefühl einstellt.

      LG ALex

  4. Alex, du sprichst mir aus der Seele!
    Ganz genau diese 3 Dinge habe ich bzw. haben wir auch erfahren auf unseren Fernwanderungen und speziell auch letztes Jahr auf unserer Reise quer durch Südamerika. Nach mehr als einem Jahr Leben aus dem Rucksack blickte ich mit Staunen auf meinen vollen Kleiderschrank – WTF…. wer braucht all das Geraffel?

    Wenn es Dich tröstet: uns ging es bei unserer Alpenüberquerung 2015 in den Dolomiten haargenauso wie Euch: auf der Bonner Hütte stellten wir fest, dass ALLE, wirklich ALLE Hütten komplett ausreserviert waren und sich damit unsere Pläne für die nächsten Tage schwupsdiwupps in Luft aufgelöst hatten.

    Liebe Grüße und frohes Resozialisieren :-)

    Christiane

    Dank des netten Hüttenwirts Alfred sind wir dann bei Freunden von ihm im Schuppen untergekommen und haben dadurch nicht nur eine der schönsten und entspanntesten Orte dieser Gegend durchwandert, sondern auch zwei wunderbare Menschen kennengelernt.

    Es kommt immer anders als man denkt – und meist auch viel viel besser als wir es planen können.

    1. Hi Christiane,

      Cool das ihr die gleichen Erfahrungen gemacht habt! Fernwandern oder lange Backpackingtouren helfen definitiv bei diesen Einsichten. Bei den Daheimgebliebenen erntet man für den minimalstischen Lebensstil oft verständnislose Blicke ;)
      Haha, die Dolomiten scheinen wirklich ein sehr beliebtes Ziel für Hüttenwanderungen zu sein.

      Liebe Grüße,
      Alex

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