Wandern mit Trail Running Schuhen

29. Januar 2018   //   10 Kommentare
Wandern mit Trail Running Schuhen

Über das Wandern mit Trail Running Schuhen scheinen viele Mysterien und Gerüchte im Netz herumzugeistern. Besonders wenn es um den Gang ins Gebirge mit den leichtgewichtigen Schuhen geht, scheiden sich die Geister. Zeit also sich dem Thema ausführlicher zu widmen, Widersprüche zu klären und zum Beispiel auf die Frage Auskunft zu geben, ob man auch in den Alpen mit Halbschuhen wandern kann?

Einige Leute scheinen dafür jedoch schon eine Antwort parat zu haben:

„Damit können Sie in der Stadt laufen. Aber im Hochgebirge? Never!! Flachländer bleibt lieber da, wo Ihr herkommt. Genug von Euch im auf 2.000 m rumstolpern sehen.“ (Quelle)

„Wer nicht in der Lage ist mit BW-Stiefeln (ca. 900 g/Stiefel) den ganzen Tag im Flachland zu laufen, hat im Hochgebirge nichts zu suchen. Er ist dafür nicht fit genug. Das Hochgebirge ist nicht Euer Stadtpark um die Ecke.“ (Quelle)

Zwanghafte Persönlichkeitsstörungen lassen sich immer noch am besten in den Kommentarzeilen des World-Wide-Web ausleben. Das Problem mit solchen pauschalen Aussagen ist die mangelnde Differenzierung. Anscheinend gibt es für den Autor des zweiten Zitats auch zwischen „Stadtpark“ und „Hochgebirge“ keine Zwischenstufen. Aber Bergwandern ist nicht automatisch gleich vergletschertes Hochgebirge.

In Trail Running Schuhen wandern

Einige der Fragen zum Wandern mit Trail Running Schuhen beziehungsweise dem Wandern mit Halbschuhen habe ich in der folgenden Liste zusammengefasst:

  • Knickt man beim Wandern in Halbschuhen häufiger um?
  • Haben Halbschuh-Sohlen einen schlechteren Halt als die von Wanderstiefeln?
  • Sind Trail Running Schuhe für das Bergwandern geeignet?
  • Wann sind Trail Running Schuhe nicht mehr geeignet?

Knickt man beim Wandern in Halbschuhen häufiger um?

Meiner Erfahrung nach ist das Umknicken beim Wandern kaum von der Wahl des Schuhs abhängig. Sondern vielmehr von deiner körperlichen Verfassung/ Erschöpfung und ganz wichtig: worauf dein Blick beim Gehen gerichtet ist. Nach einem langen Wandertag mit vielen Höhenmetern lässt beim Abstieg auf den letzten Kilometern vor allem die Konzentration und Kraft erfahrungsgemäß nach. Das untermauert auch die Studie der Universität Innsbruck. Diese besagt, dass 75% aller Stürze beim Wandern während dem Abstieg passieren.

Lässt Du dann deinen Blick während dem Gehen durch die Landschaf schweifen, braucht es nur einen ungünstig platzierten Stein oder Kiesel, um den Fuß in ungesunderweise abknicken zu lassen. Ob zwischen deinem Knöcheln dann eine 1 cm breite Schaustoffpolsterung sitzt oder eben nichts, wie beim Halbschuh, macht dabei kaum einen Unterschied. Mit festen und schweren Bergstiefeln der Kategorie C oder D mag das eventuell anders sein. Zum Wandern sind diese aber weniger geeignet und finden eher in unbefestigtem Alpingelände ihren Einsatz.

Bezogen auf das Verletzungsrisiko sagen die Forscher der Universität Innsbruck sogar: „Es scheint keinen Unterschied zu machen, ob man flache oder hohe Schuhe trägt“ 1.

Meine persönliche Meinung zu der These: Wenig geübte Wanderer ermüden durch den Einsatz schwerer Bergstiefel schneller und verlieren im Tagesverlauf die Leichtfüßigkeit. Wer leichte Trailrunning Schuhe mit einer guten, rutschfesten Sohle nutzt, spart im Vergleich mehr Energie und bleibt länger Trittsicher.

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Haben Halbschuh-Sohlen einen schlechteren Halt als die von Wanderstiefeln?

Trail Running Schuhe haben meist ein sehr grobstolliges Profil. Dadurch bleibt weniger Schlamm und Dreck an der Sohle hängen. Diese Konstruktion führt dazu, dass der Schuh auf glatten Oberflächen weniger Kontaktfläche hat, als der klassische Wanderstiefel. Um dennoch guten Halt auf nassem Fels zu gewähren, verwenden die Schuh-Hersteller eine weichere und rutschfestere Gummi-Mischung.

Generell sollten Trail Running Schuhe also keinen schlechteren Halt als normale Wanderstiefel haben. Auf weichen Böden bietet das grobstollige Profil zudem eher einen Vorteil gegenüber einer steifen Stiefelsohle. Das entspricht auch meinen persönlichen Erfahrungen beim Wandern mit Trail Running Schuhen.

Meine erste Alpenüberquerung habe ich 2014 noch mit den klassischen lederbrauen Wanderstiefeln bestritten. Auf abgeschrägten und nassen Felsflächen war deren Halt in Ordnung, aber nicht überragend. Gleiches würde ich auch von meinen Trailrunning Schuhen behaupten. Trotz ihrer geringeren Bodenkontaktfläche ist die Bodenhaftung wegen der weicheren Gummimischung nicht schlechter. Aufgrund dieser weicheren Sohle nutzen sich die leichten Halbschuhe jedoch deutlich schneller ab als eine steife Bergstiefel Sohle.

Ein weitere Vorteil der halbhohen Konstruktion: Die Beweglichkeit im Sprunggelenk ist deutlich größer. Somit passt sich der Fuß besser die Schrägen und Unebenheiten des Untergrundes an. Eine bessere und gleichmäßigere Bodenhaftung über die gesamten Schuhsohle ist die Folge.

Sind Trail Running Schuhe für das Bergwandern geeignet?

Um den Kreis zum Anfang zu schließen: Ich würde Trail Running Schuhe für das Bergwandern nur bedingt geeignet sehen. Da sich aber in den Alpen die Schwierigkeiten der Wege von T1 (einfache (Berg-)Wanderwege) bis T6 (schwieriges Alpinwandern)2 stark unterscheiden, kann die Antwort aber auch nicht pauschal gegeben werden.

Meiner persönlichen Erfahrung nach sind einfache bis mittelschwere Bergwege (bis T2) mit Trail Running Schuhen gut zu wandern. Einfach Klettereien sollten sich dabei aber auf ein Minimum beschränken oder nicht vorhanden sein. Das hängt wiederum natürlich auch von deinen persönlichen Erfahrungen und Fertigkeiten ab. Sehr erfahrene und trittsichere Bergwanderer können mit den leichten Schuhen den Bereich des Möglichen etwas weiter nach oben ausdehnen als die Unerfahrenen.

Wandern mit Trail Running Schuhen
Auf einfachen Bergwegen ist das Wandern mit Trail Running Schuhen gut möglich. Das Laufen natürlich auch

Wenn ich an die Wege unsere Alpenüberquerung von Wien nach Nizza zurück denke, hätte ich geschätzte 80-90% der Wege auch gut mit den Trail Running Schuhen laufen können. Doch gerade für die felsigen Kletterpassagen, wo auch die Hände zum Einsatz kamen, war ich über die steiferen Sohlen meiner Zustiegsschuhe froh. Die „Climbing Zone“ an der Schuhspitze ermöglicht vor allem bei kleineren Tritten einen besseren Stand als die weichere Trail Sohle.

Im Mittelgebirge greife ich aber fast ausschließlich auf die grobstolligen Laufschuhe zurück. Denn besonders auf weichen Waldwegen, Wurzelpfaden oder Forstwegen empfinde ich die Trail Running Schuhe deutlich angenehmer beim Wandern. Sie sind leichter und rollen spürbar besser ab, als Wanderstiefel oder die meisten Zustiegsschuhe.

Dennis vom Outdoor-Blog hat kürzlich aus seine langjährigen Erfahrungen mit dem Wandern in Trail Running Schuhen zusammengefasst. Hier findest Du seinen Artikel.

Wann sind Trail Running Schuhe nicht mehr geeignet?

Für mich persönlich endet der Einsatzbereich der grobstolligen Laufschuhe, wenn Kletterpassagen angesagt sind oder es auf schwerere Bergwanderwege (ab T3) geht. Auch wenn der Schnee im Winter über 10 cm hoch liegt, greife ich lieber auf einen anderen Schuh zurück. Besonders dann, wenn ich die Schneeschuhe unter die Füße schnallen möchte. Eisiger Untergrund kann in Kombination mit Micro-Spikes* jedoch mit den Trail Running Schuhen gut bewältigt werden.

Um ein hohes Rucksackgewicht oberhalb von 12- 15 kg über lange Zeiträume zu tragen, haben die leichten Halbschuhe nicht die nötige Dämpfung. Kurzzeitige Gewichtsüberschüsse durch Proviant sind aber durchaus zu ertragen.

Wandern mit Trail Running Schuhen
Bei den Verhältnissen greife selbst ich auf hohe Schuhe zurück

Alternativen zum Wandern mit Trail Running Schuhen

Für alpineres Gelände und schwere Bergwege bis zu einer Schwierigkeit von T4 nutze ich meine halbhohen Zustiegschuhe. Die steifere Vibramsphle macht auch bei leichten Felsklettereien, im Blockwerk und auf losem Geröll eine gute Figur, lässt den Fuß aber dennoch angenehm abrollen. Mit einem Gewicht von unter 1 kg pro Paar sind sie auch an langen Wandertagen keine störende Last an den Füßen.

Ich nutze seit Jahren die Wildfire Modelle von Salewa. Diese passen meinem schlanken Fuß einfach am besten. Es gibt mittlerweile aber auch von zahlreichen anderen Herstellern zuverlässige Exemplare.

Wandern mit Trail Running Schuhen
Mit den Salewa Zustiegsschuhen auf dem 3538 Meter hohen Rocciamelone

Wie sind deine Erfahrungen beim Wandern mit Trail Running Schuhen?
Oder nutzt Du den klassischen Wanderstiefel?

Quellen:

1 – Studie der Universität Innsbruck
2 – SAC Wanderskala

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Wer schreibt hier?

Ich bin Alex. Im Sommer 2014 habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin auf der Suche nach einer Auszeit auf dem Traumpfad von München nach Venedig über die Alpen gewandert. Nach diesen 34 Tagen waren die Berge und das (Fern-)Wandern einfach nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Heute bin ich immer dann am glücklichsten, wenn der Rucksack gepackt ist und ich wieder auf Tour gehe. Ich bin chronisch neugierig, interessiere mich für fast alle Arten von Outdoor-Ausrüstung und Outdoor-Tipps. Und das was ich dabei so alles lerne, möchte ich mit Dir hier auf BergReif teilen!

10 Kommentare

  1. Andrew Skurka empfiehlt meiner Erinnerung nach auch einen Teil der obengenannten Modelle.
    Ein zusätzlicher Aspekt, der zumindest beim Fernwandern eine Rolle spielt, ist, wie schnell die Schuhe trocknen.
    Von Lederschuhen rät Skurka z.B. kategorisch ab.

    1. Hi Detlev,

      da stimme ich Dir zu. Wobei auch Trail Running Schuhe schlecht trocknen können. Nämlich dann, wenn sie eine GoreTex Membran verwenden. Ohne diese Membran, sind die Schuhe deutlich schneller wieder trocken. Und GoreTex schützt auch nicht ewig vor der Nässe von draußen.

      LG Alex

  2. Lieber Alex,

    ich möchte ja heuer meine Alpenquerung – ich überquere zwar aber bekanntlich nur einen Bruchteil ^^ – auch mit Trailschuhen machen. Das einzige wo ich noch etwas hadere ist eh wie du beschrieben hast wenn es ans steigen im Feld geht. Wenn ich da wo Raufkraxle ob ich vorne bei den Zehen genug Druck aufbauen kann zum steigen. Allerdings gibt es Sportler die gehen via Stüdlgrat auf den Großglockner oder via Hintergrat auf den Ortler und tragen Salomon S/Lab Sense 6 – allerdings wird in dem Schuh nicht so viel Dämpfung für meinen rund 8kg Rucksack (mit Proviant) sein denke ich mal. Da muss ich mich nochmals einschlägig beraten lassen und nochmals das Internet durchforsten.

    LG

    1. Hi Anna,

      genau kann ich Dir auch nicht sagen, ob das geht oder nicht. Hängt, wie gesagt, sehr von der eigenen Person und den Erfahrungen und Fertigkeiten ab. Wahrscheinlich musst Du es einfach ausprobieren :)

      LG Alex

  3. Hallo Alex.
    Ein interessanter Beitrag zu einem Thema, mit dem ich mich auch lange herumgeschlagen habe. Seit 2017 bin ich auch im weglosen Gebirge nur noch mit halbhohen Approachschuhen unterwegs, Mein Kamerad tatsächlich nur noch in Salomon Trailrunnern. Damit haben wir auch den Jubiläumsgrat begangen, der ja Kletterstellen bis UIAA III aufweist (angeblich).
    https://broeselfreaks.wordpress.com/2017/08/08/jubilaeumsgrat-auf-speed/
    Michael berichtet da von keinen Einschränkungen beim Klettern mit den weichen Schuhen, braucht allerdings mehr Kraft im Vorderfuß bei kleinen Tritten.
    Ich denke, wenn man gut trainiert ist und Übung hat, ist da vieles möglich.
    L.G. Daniel

    1. Hi Daniel,

      danke Dir für das Teilen eurer Erfahrungen!
      Gut zu hören, dass auch einige Kletterstellen keine Probleme für euch dargestellt haben.
      Übriges sehr coole Bilder!

      LG Alex

  4. Wieder schöner und interessanter Beitrag Alex. Und ja, das ist wohl ein sehr kontroverses Thema, das wohl pauschal nicht ganz zu beantworten ist.

    Ich denke, es kommt auch darauf an, auf was man seine Füße „trainiert“ hat. Meinen ersten Fichtelbergmarsch habe ich in den guten LOWA Renegade absolviert, einfach weil ich es damals nicht besser kannte und wusste. Es hat funktioniert, aber für Wald und Feldwege ist so ein Wanderstiefel aus Leder einfach nicht nötig. Zu schwer, wenig Luft am Fuss. Zum anderen soll der Fuss und Knöchel dadurch je geschützt sein. Doch ist er es wirklich? Oder ist er dadurch evtl nur „eingezwängt“?

    Mit Trailrunnern hat der Fuss einfach mehr zu tun, das ist Fakt und wer umsteigt, muss sich daran gewöhnen. Der Knöchel liegt frei und muss hier auch mehr Stabilisierungsarbeit leisten, vielmehr die Muskeln und Sehnen um selbigen selbst. Ist man sich über die erhöhten Verletzungsmöglichkeiten bewusst, dann sollte man auch selbst „bewusster“ auftreten. Auf einem Schotterweg laufen und die Aussicht geniessen? Mhhh, könnte evtl schiefgehen, stimmts? :) Aber für ein umknicken ist da nicht der Schuh schuld, sondern eher die fehlende Konzentration für den Weg.

    Und natürlich, Grenzen gibt es für jede Ausrüstung und die verschiebt sich wie angesprochen auch mit der Erfahrung des Nutzers.

    VG
    Bert

    1. Hi Bert,

      da stimme ich Dir zu. Gerade am Anfang ist so ein Umstieg Gewöhnungssache. Bewusstes und aufmerksames Auftreten ist da sehr hilfreich. Die Eingewöhnungsphase legt sich meiner Erfahrung aber relativ schnell wieder.

      LG Alex

  5. Ich bin letzten Herbst den GR 221 mit Adidas Skychaser gelaufen. Das war meine erste Mehrtagestour mit Trailrunnern/Multifunktionsschuhen. Dabei waren zwei Faktoren für mich entscheiden dies dort zu wagen. Das Klima erleichterte es mir auf 5 kg Basisgewicht zu kommen und die Tour wird ja technisch nie besonders anspruchsvoll. Ich habe mich jeden Tag gefreut so leichte Schuhe an den Füßen zu haben. Die dennoch relativ steife Sohle von Continental hat einen überragenden Grip und versagte in keiner Situation. Bei zwei Abstiegen hatte ich allerdings kleinere Probleme. Mit zunehmender Ermüdung ging auch (wie im Artikel beschrieben) mangelnde Konzentration einher. In Kombination resultierten daraus für mich „unsaubere“ Tritte. Dies ließ sich jedoch mit eine Reduzierung des Schritttempos und Trinkpausen gut bis zum Etappenziel kompensieren. Unter solchen oder ähnlichen Bedingungen würde ich also auch in Zukunft immer zu den Trailrunnern greifen.

    Allerdings war dies für mich die erste Tour ihrer Art. Wesentlich häufiger war ich bisher in Norwegen und Schweden wandern. Hier sieht das ganze für mich wesentlich anders aus wenn ich 14 Tage autark in einem Nationalpark unterwegs bin. Natürlich würde ich auch hier gerne mit den leichten Schuhen laufen, ich kann aber (aufgrund des Klimas und der zusätzlichen Ausrüstung) meinen Rucksack nicht annähernd auf 5 kg drücken. Neben endlosen Geröllfeldern kommt häufiger Regen, sowie Bäche und Moore die durchquert werden müssen hinzu. Deshalb würde ich auch hier immer zum klassischen Wandersteifel aus (gepflegtem) Leder greifen. Die sind die ganzen zwei Wochen wasserdicht und bleiben auch innen trocken.
    Oder bin ich damit völlig auf dem Holzweg? Wie sind denn deine/eure Erfahrungen mit Trekking im Fjell?

    1. Hi Felix,

      danke, dass Du deine Erfahrungen mit den Trailrunnern hier schilderst!
      In Skandinavien war ich bislang noch nicht unterwegs, geben daher die Frage gerne weiter :)

      LG Alex

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