Wandern mit dem Smartphone

05. Februar 2018   //   16 Kommentare
Wandern mit dem Smartphone Komoot

Die Digitalisierung macht auch vor dem Wandern nicht halt. Wurden vor einigen Jahren Papierkarten, Bücher oder Kamera noch als separate Gegenstände eingepackt, vereint das Smartphone heute all diese Dinge unter seiner Haube. Doch macht das wirklich Sinn? Oder geht man damit womöglich ein zu großes Risiko ein? Das sind mein Erfahrungen beim Wandern mit dem Smartphone:

Ich betrachte besonders beim Wandern mittlerweile vieles vom Multi-Use-Standpunkt aus. Bringt ein Gegenstand mehr als nur eine Funktion in seiner Hülle unter, ist das meist schon rein gewichtstechnisch ein Vorteil. Wenn dann auch die Funktion und Benutzerfreundlichkeit gegenüber dem alten Gegenstand stimmt oder sogar verbessert ist, gibt es für diesen wenig Chance auf eine Rückkehr.

Wandern mit dem Smartphone

Navigation mit dem Smartphone

„Nutzt Du klassische Papierkarten, oder dein Smartphone zur Navigation?“

Eine der häufigsten Fragen die mir gestellt wird. Und ich beantworte sie immer gleich: Ich nutze unterwegs fast ausschließlich die Offline Karten auf meinem Smartphone. Denn beim Wandern mit dem Smartphone hat das Offline Kartenmaterial gegenüber den klassischen Papierkarten 2 entscheidende Vorteile:

  • Es spart eine Menge Gewicht! Je länger die Tour, desto größer die Ersparnis. Denn gerade die 1:25.000 er Karten decken meist nur 1-3 Tagesetappen ab. Wiegen aber knapp 100 Gramm. Für unsere 107-tägige Alpendurchquerung von Wien nach Nizza hätten die Papierkarten dann fast mehr als die restliche Ausrüstung gewogen. Sollen jedoch bei langen Touren Papierkarten verwendet werden, können diese auch einfach per Post vorausgeschickt werden.
  • Die Verwendung ist für mein Empfinden benutzerfreundlicher. Ich kann dank des GPS-Moduls jederzeit meinen genauen Standort im Gelände lokalisieren. Ein zusätzliches GPS-Gerät benötige ich nicht mehr. Gerade an uneindeutigen Weggabelungen fällt die Entscheidung für den richtigen Weg einfacher. Auch entfällt das großflächiges Auseinanderfalten der Papierkarten. Was besonders an windigen Tagen keine Freude ist.

Für klassische Papierkarten sprechen trotzdem einige Gründe:

  • Sie bieten bei der Routenplanung eine bessere Übersicht, als der kleine Smartphone Bildschirm. Das ist vor allem bei der Planung der Tour oder der Bestimmung von Alternativrouten von Vorteil.
  • Das Smartphone kann herunterfallen und kaputt gehen. Dann ist auch das Kartenmaterial futsch. Papierkarten können zwar auch zerreißen, aufweichen oder geklaut werden, stecken einen „Sturz“ aber deutlich besser weg. Aus diesem Grund ist das komplette Offline-Kartenmaterial als Backup auch auf dem Smartphone meiner Freundin gespeichert. Das drittes Backup befindet sich in der Cloud und ist notfalls per WLAN in einer Unterkunft oder einem Hotel abrufbar. Gerade in sehr entlegenen Gegenden sind WLAN fähige Unterkünfte jedoch oft rar gesäht.
  • Sind nicht vom Akku bzw. der Steckdosenverfügbarkeit abhängig.

Offline Kartenmaterial und Navigationsapp für Android

Die beiden GPS- und Navigationsapps „Locus(nur Android) und „Outdooractive“ werden hauptsächlich von mir beim Wandern genutzt. Davon vor allem Erstere, da sie die Möglichkeit bietet hochwertiges Kartenmaterial von KOMPASS, Tobacco oder Freytag-Berndt zu erwerben und Offline auf dem Smartphone zu speichern. Dieses Material entspricht dann in Abdeckung, Maßstab und Qualität genau der Papierkarten Vorlage.

Das kostenlose Opensource Kartenmaterial beider Apps ist auch in Ordnung und meiner Erfahrung nach zu einem Großteil gut nutzbar. Jedoch sind besonders die Kartendarstellung sowie die Zusatzsymbole von den professionellen Anbieter deutlich besser und benutzerfreundlicher.

Zur reinen Tourenplanung vorab, finde ich das Smartphone aufgrund seines kleinen Bildschirms aber wenig geeignet. Dafür bieten sich klassische Papierkarten oder aber der heimische Computer besser an. Für Letzteres finde ich die Desktop-Versionen von Outdooractive oder Komoot sehr hilfreich. Mit Outdooractive habe wir beispielsweise unsere Alpendurchquerung geplant.

Aber generell gilt: Smartphone oder auch Papierkarten nutze ich nur als Hilfsmittel oder Überprüfung der aktuellen Situation. Hauptsächlich orientiere ich mich an den lokalen Gegebenheiten wie Markierungen, Wegweisern oder den Austausch mit anderen oder entgegenkommenden Wanderern. In den Alpen sind die (Berg-)Wanderwege meist sehr gut ausgeschildert und besonders das Fernwandernetz von den Alpenvereinen super markiert.

In den entlegeneren Gebieten der südlichen Westalpen war das (IGN-) Kartenmaterial leider oft fehlerhaft oder unvollständig. Gleiches galt aber auch für die KOMPASS Karten der Lago-Maggiore und Lago di Como Region. Dort waren gelaufenen Wege oft nicht vermerkt oder die eingezeichneten Wege endeten im Nichts beziehungsweise waren gar nicht erst vorhanden.

Wandern mit dem Smartphone: Kamera Ersatz

Das Smartphone kann aber nicht nur als Navigations-Alternative genutzt werden. Mittlerweile sind die verbauten Kameramodule so potent, dass sie so manche Kompaktkamera überflüssig werden lassen. Wenn Du dich also nicht um unterschiedliche Brennweiten und mannigfaltige Einstellmöglichkeiten scherst, sondern einfach nur Schnappschüsse machen möchtest, dann probier auf der nächsten Tour doch einfach mal deine Smartphone Kamera aus.

Zahlreiche Apps erleichtern zudem die nachträgliche Bearbeitung der Bilder. Sehr zu empfehlen ist dabei Snapseed. Googles Bildbearbeitungssoftware bietet fast Lightroom ähnliche Werkzeuge. Sogar RAW-Aufnahmen können damit entwickelt und ins JPG-Format umgewandelt werden. Auf der Alpenüberquerung habe ich diese App fast ausschließlich zur Farbkorrektur und Bearbeitung meiner Bilder genutzt.

Sind die Touren zwischen 1-3 Tagen lang, versuche ich mittlerweile auch mal auf meine Systemkamera zu verzichten. Für mich persönlich sind die Ergebnisse aber noch nicht immer zufriedenstellend. Vor allem der fehlende Brennweitenspielraum der Smartphones lässt mich momentan noch meine schwerere Optik mit in die Berge nehmen. Auch lässt sich die Blende bei den kleinen Kameramodulen nicht so variabel einsetzen wie bei einer „richtigen“ Kamera. Sonnensterne sind damit leider noch nicht möglich. (Oder doch??)

Aber wie sagt man so schön: Die beste Kamera ist immer die, die man dabei hat.

Wandern mit dem Smartphone Panorama
Panorama auf dem Rocciamelone. Aufgenommen mit dem Honor 6X

Weitere Einsatzmöglichkeiten des Smartphones beim Wandern

Heute kaum noch vorstellbar: Aber es ist möglich mit dem Smartphone auch tatsächlich noch zu telefonieren. Und ohne Telekommunikationsmöglichkeit sollte man besser nie zum Wandern aufbrechen. Man weiß nämlich nie ob man einen Notruf absetzen muss.

Neben den genannten Einsatzzwecken haben die handlichen Geräte aber auch noch eine Vielzahl anderer Funktionen die beim Wandern oder Trekking nützlich sein können:

  • Musikplayer
  • Ebook-Reader – Kindle App, Lithium
  • Wettervorhersage Apps – Ich nutze Weather Pro
  • Lawinenlagebericht abrufen – z.B. WhiteRisk für die Schweiz, ansonsten SnowSafe
  • Videoplayer an Regentagen
  • Unterkünfte recherchieren, buchen oder kontaktieren

Um den Akku zu schonen und die persönlich Ablenkung so gering wie möglich zu halten, schalte ich das Gerät beim ersten Schritt in den Flugmodus. Es soll unterwegs ja nur Hilfsmittel sein und nicht die Aufmerksamkeit vom Naturerlebnis nehmen.

 

Wie hältst Du es beim Wandern mit dem Smartphone?
Lästig, oder nützlicher Begleiter?

 

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Wer schreibt hier?

Ich bin Alex. Im Sommer 2014 habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin auf der Suche nach einer Auszeit auf dem Traumpfad von München nach Venedig über die Alpen gewandert. Nach diesen 34 Tagen waren die Berge und das (Fern-)Wandern einfach nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Heute bin ich immer dann am glücklichsten, wenn der Rucksack gepackt ist und ich wieder auf Tour gehe. Ich bin chronisch neugierig, interessiere mich für fast alle Arten von Outdoor-Ausrüstung und Outdoor-Tipps. Und das was ich dabei so alles lerne, möchte ich mit Dir hier auf BergReif teilen!

16 Kommentare

  1. Hi Alex,
    ich hab mal ne Frage.
    Habe irgendwo gelesen, dass das GPS der Smartphones gar kein richtiges GPS ist, da es auf das Handynetz zur Ortsbestimmung zugreift.
    Daher ist es auch unzuverlässig.
    Richtiges GPS und auch jederzeit Notruf hat man nur mit Satellitentelefon.
    ???
    Holger

    1. Hi Holger,
      das ist so nicht ganz richtig. Smartphones können zusätzlich zu ihrem GPS Modul das Handynetz zur Grobortung einsetzen. Das GPS-Modul ist aber ein ganz normales und nutzt wie alle GPS Geräte Satelliten zur Standortbestimmung.
      Das kannst Du auch daran sehen, dass die GPS-Bestimmung auch ohne Netz und Mobilfunkdaten im Flugmodus funktioniert.

      LG Alex

  2. Die Sache ist nur die, dass man den Akku recht schnell leersaugt, wenn man mit dem Smartphone navigiert. Man ist also darauf angewiesen, dass man jeden Abend Strom bekommt, was ja nur bei Touren auf bewirtschafteten Hütten gewährleistet ist. Wenn man autark unterwegs sein muss, dann kommt man um die Powerbank nicht herum und der ganze Gewichtsvorteil ist schon wieder beim Teufel.

    Ich hab die OSM-Karten auf meinem etrex drauf und da komm ich mit einem Akkusatz in der Regel drei bis vier Tage klar. Da brauch ich mich dann auch nicht in Stromsparsamkeit üben.

    Die vorgestellte App von Outdooraktive funktioniert leider nicht auf allen Androidversionen und setzt zwingend die Apps von Google voraus. Mit denen sinkt die Akkulaufzeit jedes Smartphones aber leider zwischen 30-50%.

    1. Hi Tom,

      stimmt, wenn man die Navigation anschaltet, geht der Akku wirklich schnell leer.
      Daher nutze ich das Offlinematerial auch nur als Karte, ohne eine Navigation zu starten. Im Flugmodus kommt mein Handy so gut über 3 Tage. Und auf den Hütten in den Alpen hatte ich zu 90% immer Zugriff auf eine Steckdose am Abend.
      Wo es keine gab musste ich entweder nicht laden, oder habe meine kleine Powerbank mit 3300 mAh genutzt. Autark und ohne Unterkünfte ist man natürlich limitiert auf die Reichweite der eigenen Powerbank. Das mit dem starken Akkuverbrauch der Google Apps kann ich meiner Erfahrung nach nicht bestätigen.

      LG Alex

  3. Moin Alex,

    auf meinen Wanderungen habe ich bei der Smartphone Nutzung vor allem das Problem, dass man auf vielen Hütten sein Handy nicht aufladen kann. Und 5 Powerbanks rumschleppen scheint gerade beim Gewicht auch nicht die Lösung zu sein.

    Wie machst du das auf deinen Touren?

    1. Hi Joshua,

      Ich hab eher die Erfahrung gemacht, dass die Hütten ohne Steckdose die Ausnahme sind. Im Flugmodus komme ich aber auch gut und gerne 3 Tage mit einer Akkuladung aus. Eine kleine Powerbank mit 3300 mAh gibt mir noch mal eine komplette Ladung. Autark ist man natürlich limitiert durch die Akkulaufzeit. Meine alte 21.000 mAh Powerbank wiegt um die 350 g. Nicht wirklich die Leichteste, aber gibt mir genug Saft für mindestens eine Woche.

      LG Alex

  4. Schöner Beitrag – hätte von mir sein können 😎, denn wir sind ähnlich unterwegs. Zu Locus: Schattierung anschalten (Pro-Version) und das Theme HiLo aus dem Locus Forum verwenden, dann ist m. E. die Darstellung mit den kostenlosen Openandromaps ganz gut. Und zum Strom sparen natürlich den Flugzeugmodus anschalten. Das macht gerade bei schlechtem Empfang eine Menge aus und auf Tour will ich ohnehin keine eingehenden Telefonate beantworten (digital detox). Weitere Einsatzmöglichkeiten: Hörbücher (stromsparender, zu zweit nutzbar und augenfreundlicher als E-Books), Tier-/Naturführer, Übersetzer (mit dict.cc auch für abstruse englische Tiernamen) und natürlich für Blog-Updates. LG Stefan

    1. Hi Stefan,

      danke Dir für deine ausführlichen Ergänzungen!
      Das mit den Schattierungen und dem HiLo Theme muss ich direkt mal testen. Das hatte mich bei den OSM Karten immer etwas gestört.
      Hörbücher muss ich auch mal verstärt ausprobieren.

      LG Alex

  5. Das mit dem Verbrauch der GAPPS merkt man erst, wenn man ein alternatives ROM aufspielt. Ich verwende seit nun drei Jahren Cynogenmod (mittlerweile LineageOS) und da komme ich nun bei mäßigem Surfen mit einer Ladung 2-3 Tage aus. Vorher wars halt ein Tag.

    1. Cyanogenmod habe ich auch jahrelang genutzt und war super zufrieden. Mittlerweile nutz ich das Oneplus 3T und deren mitgeliefertes OS. Nicht so sparsam wie LineageOS, aber noch in Ordnung.

      LG ALex

  6. Hallo Alex,

    Kennst du die iOS App Alpenvereinaktiv?
    Damit habe ich navigiert als ich letzten Sommer in den Villgratener Bergen war.
    Habe keinen Vergleich zu anderen Apps oder Karten, daher interessiert mich deine Meinung.

    Gruß
    Dan

  7. Die Vorplanung zu hause läuft bei größtenteils mit Basecamp und den OSM-Karten. „Im Feld“ habe ich mich dann auf dem Oregon (habe ich 2016 irgendwo am Rettenbachjoch während einer Trinkpause zwischen den Felsen „versteckt“), seitdem mit dem Garmin-Montana & OSM-Kartenmaterial oder/und der Garmin-Epix verlassen.

    Das löst a) das Energieproblem, da man die Akkus jederzeit wechseln kann und notfalls auch mal Batterien nachkaufen kann (wenns sich nicht vermeiden lässt) und b) diese Geräte auch im Gelände noch routingfähig sind. an sollte sich aber auf die Routen aber nicht verlassen, manchmal berechnen die Teile auch den kürzeszen Weg und das kann schonmal ein T4-T6-Bergweg sein :)

    Mit einer Akkuladung komme ich da bei Dauerbetrieb (Track aufzeichnen, zwischendurch mal eine Route berechnen – Geocachen auf den Touren, hehe) auf eine ganztägige Laufzeit.

    Verlassen habe ich mich auf die Geräte bisher in den Ligurischen Alpen, Ötztaler Alpen, Tramuntana und auf dem Stevensonweg. Da hat das OSM-Kartenmaterial zuverlässig funktioniert.

    Grüße aus Troisdorf, Uwe

  8. Moin Alex

    mein Set-Up für unterwegs ist: Smartphone und App: OsmAnd+. Vorteil der App: Einfaches Interface, man kann vorab das Kartenmaterial runterladen und somit steht es offline zu Verfügung. Damit funktioniert das alles perfekt im Flugzeugmodus mit GPS.

    Ebenso erstelle ich vorab in zB. GPSies, Outdooractive oder SchweizMobil meine Tour, lade das GPX File runter in die DropBox und importiere das in OsmAnd+. Das hat in DE, CH, IT, FR und PT bisher super funktioniert. Natürlich sprechen wir hier von Ländern, wo die Infastruktur es immer her gibt, dass man alle paar Tage sein Phone oder die Powerbank wieder aufladen kann. Kann mir vorstellen, dass man da zB. in Schweden, Norwegen oder Island ganz anders vorgehen muss und dort das Kartenmaterial in Form von Papier (inkl. Kompass) unerlässlich ist.

    Gute Erfahrungen hatte ich bisher mit Sony Xperia Z3, Samsung S6 Edge sowie aktuell Huawei P10 gemacht.

    KOMPASS Karten sind für mich persönlich völlig unbrauchbar, da lohnt das schleppen jetzt null :-D. Die anderen kenne ich nicht. Mir reichen aber tatsächlich die Info aus dem Smartphone. Ist aber nicht in Stein gemeisselt ;-).

    Fotos sind ok für Schnappschüsse, aber so ein Phone ersetzt null eine richtige Kamera. Von Fuji gibt es zB. die X-T20 mit der XF18mm F2 Brennweite. 383 gr die Kamera und 120 gr das Objektiv. Damit habe ich die letzten 1.5 Jahre recht passable Bilder gemacht ;-).

    Leeven Jroos aus Zürich,
    Andreas

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