Eine Unachtsamkeit gefährdet die ganze Reise

27. Juni 2017   //   12 Kommentare

Diese eine Weisheit ist wirklich nicht schwer zu verstehen oder zu befolgen. Aber ich habe sie jahrelang gekonnt ignoriert oder bewusst missachtet. Dabei hätte ich im Nachhinein gut daran getan, ihr etwas mehr Würdigung zu schenken. Das hat sich nun das erste Mal gerächt. Genauer gesagt auf dem Abstieg von der Sonnenschienhütte nach Eisenerz. Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, hier die unterschätzte Wanderweisheit:

“Wenn Du wanderst, schau auf den Boden und nicht in den Himmel oder die Landschaft.”

Soweit so gut. Weniger gut waren jedenfalls die Folgen, die sich aus ihrer konsequenten Missachtung ergeben haben. Auf einem mäßig abschüssigen Teil der Forststraße, habe ich, wie so oft, die neben mir aufragenden Berggipfel bewundert. Aber dafür bin ich natürlich nicht stehen geblieben. Und so kam es, dass ich den ungünstig auf dem Weg liegenden Kieselstein übersah.

Strafe der Unachtsamkeit

Als mein Fuß auf diesem landete, entschied sich mein rechter Knöchel in einem ungesunden rechten Winkel nach Außen weg zuknicken. Somit schoss mir wenige Kilometer vor dem Leopoldsteinersee ein stehender Schmerz durch diesen Knöchel. Diesmal war es jedoch nicht die Art von Schmerz, die sich nach ein paar Mal Fluchen wieder in Wohlgefallen auflöst. Das habe ich jedenfalls reflexartig probiert. Dafür wurde mir sofort übel. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Rucksack abzuschnallen und mich auf den ungemütlichen Schotterweg zu legen.

Ein erster Blick auf den betroffenen Knöchel bestätigte die andauernden Schmerzen: Er war schon so dick angeschwollen, wie die Kaspressknödel, die ich tags zuvor verspeist hatte. Mein erster Gedanke: “Verdammt noch mal! Es war sonnenklar, dass Dir Trottel das früher oder später passiert… Was wird jetzt bloß aus der Wanderung?“

Wien Nizza wandern Knöchel Bänderdehnung
So sah der Knöchel kurz nach dem Umknicken aus…

Aber die Wanderung musste jetzt erst einmal warten. Es gab dringender Probleme, die zu lösen waren. Nämlich, wie komme ich jetzt von hier weg? Ich entschied mich spontan gegen einen Anruf bei den Rettungsdiensten. Zuerst wollte ich versuchen ins Tal zu humpeln. Da nur noch 5 Kilometer Forststraße vor uns lagen, erschien mir das als einfachste Lösung. Nachdem ich eine Ibuprofen geschluckt hatte, hiefte ich mich, auf meine Freundin gestützt, nach oben.

Wie runter vom Berg?

Bewegen konnte ich meinen Fuß jedenfalls ins alle Richtungen. Eine Gehbewegung war also prinzipiell möglich. Zur Kühlung bewässerten wir meinen Wandersocken und machten uns sehr langsam und auf die Stöcke gestützt auf den Weg ins Tal. Nach 10 schmerzhaften Minuten erreichten wir eine kleine Hütte. Glücklicherweise waren die Besitzer zu Hause, verfügten und einen fahrbaren Untersatz und waren so freundlich uns die restlichen Kilometer zu unserer Unterkunft in Eisenerz zu fahren. Etwas besseres hätte meinem Knöchel in dieser Situation nicht passieren können! Toll das es so hilfsbereite Menschen gibt.

Von unserer Gastgeberin erhielt ich als Willkommensgeschenk ein gekühltes Eispack. Eine absoluter Segen für den Knöchel in Knödelform. Eine kurze Internet Recherche ergab, dass an diesem Sonntag sogar eine Notfall Apotheke in dem Dorf geöffnet hatte. Diese war aber 4 Kilometer entfernt. Ein Engel der meine Freundin ist, scheute sie sich jedoch nicht, noch 8 Extrakilometer an diesem Tag einzulegen und mir eine Salbe und Tabletten zu besorgen!

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Liegeposition am Pausentag

Derweil lag ich etwas niedergeschlagen auf dem Bett und kühlte, was das Eispack hergab. Ohne wirklich zu wissen was nun mit dem Knöchel los war, war ich mir sicher, dass die Wanderung irgendwie weiter gehen wird. Keine Ahnung woher ich diese Zuversicht nahm. Einen Krankenhausbesuch lehnte ich jedoch ab. Ich war mir sicher, sowieso nur 3 Dinge verordnet zu bekommen: Kühlen, eincremen und schonen. Und bloß nicht wandern!

Selbsttherapie

Wahrscheinlich hielt mich besonders die Angst vor dem letzte Punkt davon ab, ärztlichen Rat einzuholen. Ich hätte es nicht wahr haben wollen, dass diese Reise nun wegen einer so dämlichen Unachtsamkeit schon zu Ende sein sollte…. Also entschied ich mir für die Selbsttherapie. Mit einem Bänderriss oder Anriss wäre wohl kaum weiterzuwandern. Mit einer Dehnung vielleicht schon. Das redete ich mir jedenfalls ein.

Also suchte ich im Internet nach Symptomen für alle drei Verletzungsarten. “Ein blauer Fleck auf dem Knöchel kann ein Symptom für einen Riss sein, da eine Einblutung ins Gewebe stattgefunden hat.” Okay, blau ist der Knöchel jedenfalls nicht… Das schien mir ein erstes gutes Zeichen. Auch das ich ihn relativ frei in alle Richtungen bewegen kann, deutete ich als positives Signal.

Die nächsten beiden Tage waren somit Pausentage erster Klasse. Kaum Bewegung, viel im Bett liegen, Fernsehen, Bilder sichten und bearbeiten und Artikel schreiben.
Die knödelgroße Schwellung ging in der ersten Nacht schon sichtbar zurück und verringerte sich am folgenden Tag noch weiter. Auch wenn ich den Knöchel in dieser Zeit kaum belastete, hatte ich kaum Schmerzen. Grund genug, am dritten Tag einen ersten kleinen Spaziergang nach Eisenerz zu wagen. 4 Kilometer hin und auch wieder zurück. Notfalls führe auch ein Bus, wie wir rausgefunden haben.

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Testwanderung nach Rottenmann

Belastungstest und Routenänderung

Die ersten Schritte setze ich in vollem Bewusstsein, mit ununterbrochenem Blick auf den Untergrund vor mir. Wenigstens soviel hatte ich gelernt in diesen Tagen. Die gesamten 8 Kilometer hat der Knöchel problemlos mitgemacht. Auch wenn er danach wieder ein wenig angeschwollener aussah.

Trotzdem stand die Entscheidung fest: Die Wanderung soll weitergehen.

Leider sahen die nächten beiden Nordalpenweg Etappen teilweise Anstiege von 1800 Höhenmetern und knackige Distanzen vor. 8 Kilometer im Flachen sind das eine, anspruchsvolle Bergwanderungen was ganz anderes. Daher entscheiden wir uns, diese Etappen auszusparen und mit dem Täler Bus nach Admont zu fahren. Von dort war eine recht entspannte Weiterwanderung nach Rottenmann und der Anschluss zum Salzsteigweg möglich. So lassen sich die richtigen Bergetappen noch eine Weile hinauszögern und der Knöchel bekommt nicht direkt wieder die volle Belastung.

Eine Woche aussitzen, um dann die Tour unverändert weiter zu gehen, wollte ich nicht. Erstens halte ich leichte Bewegung für besser als die starre Schonung. Und zum anderen kratzt ein solcher Stillstand ziemlich an meiner Substanz. Ich möchte in Bewegung sein und nicht unbeweglich stillstehen, um nur auf Besserung zu warten.

Wie ist es dem Knöchel ergangen?

Ob diese Entscheidungen generell die Richtigen waren, kann ich nicht beurteilen. Ich kann jedenfalls feststellen, dass sie es für mich gewesen sind. Denn während ich diese Zeilen tippe, sitze ich auf der Valentinalm. Gute 350 Kilometer an Wegstrecke von Rottenmann entfernt. Und diese Entfernung hat mich der Knöchel fast vollständig schmerzfrei begleitet. Seit ein paar Tagen ist er auch schon wieder in seine ursprünglichen Ausdehnung zurück gekehrt.

Noch viele Tage lang habe ich ihn nach den Etappen mit einem kalten, nassen Handtuch gekühlt. Teilweise auch über Nacht. In den Wanderpausen bekam nicht nur meine Kehle, sondern auch der Knöchel eine Erfrischung. Oft habe ich ihn zur Stabilisation beim Wandern auch mit einem Verband und einem Basensalzwickel verbunden. Wahrscheinlich hat die Summe aller Bemühungen ihn wieder halbwegs fit gemacht.

Aber so wie vorher wird es nicht mehr werden. Denn wenn ich nach dieser Sache eins verinnerlicht habe, ist es die kleine aber entscheidende Weisheit vom Anfang. Diese gesamte Wanderung wegen einer tollpatschigen Unachtsamkeit zu gefährden, hat mich nämlich mehr getroffen, als die Verletzung selbst.

Soweit für den dritten Teil des Wander Berichtes unserer Alpenüberquerung von Wien bis nach Nizza. In den nächsten Wochen kommen dann die anschließenden Teile. Momentan befinden wir uns in Birnbaum im Lesachtal. Gewitter, Regen und sonstiges Schlechtwetter zwangen uns zum Abstieg vom Südalpenweg. Bis das Wetter besser wird wandern wir Talnah nach Sexten.

Möchtest Du mehr über unsere Wanderung erfahren, dann schau doch einfach auf Facebook oder Instagram vorbei. Dort versuche ich alle 1-2 Tage ein paar Bilder und kurze Updates zu der Tour hochzuladen. Sofern das Internet natürlich mitspielt.

Zu den anderen Artikeln dieser Alpenüberquerung:

Was sind deine Erfahrungen mit Bänderdehnungen oder Verletzungen beim Wandern?

 

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Wer schreibt hier?

Ich bin Alex. Im Sommer 2014 habe ich meine 7 Sachen gepackt und bin auf der Suche nach einer Auszeit auf dem Traumpfad von München nach Venedig über die Alpen gewandert. Nach diesen 34 Tagen waren die Berge und das (Fern-)Wandern einfach nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Heute bin ich immer dann am glücklichsten, wenn der Rucksack gepackt ist und ich wieder auf Tour gehe. Ich bin chronisch neugierig, interessiere mich für fast alle Arten von Outdoor-Ausrüstung und Outdoor-Tipps. Und das was ich dabei so alles lerne, möchte ich mit Dir hier auf BergReif teilen!

12 Kommentare

  1. Dr. Internet weiss Bescheid, so spart man sich den Arzt ;)

    Freut mich das alles glimpflich ausgegangen ist. Hatte mir mal beim Biken den Knöchel gebrochen, der Fuß sah genau so geschwollen aus, allerdings hatte ich auch blaue Flecken. Bin damals auch noch ca. 5km mit dem Rad abgefahren, kann also nachvollziehen wie „angenehm“ das weiterlaufen für dich gewesen sein muss.

    Schöne Grüße,
    Martin

  2. Was ein Mist! Ich drücke dir die Daumen, dass es deinem Knöchel bald wieder besser geht und du die Wanderung beenden kannst.

    Hattest du halbhohe Schuhe an? (vermute ich mal, so wie ich dich als ULer kenne ;-) Falls ja, liegt es natürlich nicht nur an deiner Unachtsamkeit sondern auch an der falschen Schuhwahl. In den Bergen sind Schuhe mit über den knöchelreichenden Schaft einfach Pflicht. Auch, wenn sie mehr wiegen.

    Mir ist das auch schon mal passiert, damals ist das aber zum Glück glimpflich ausgegangen. Aber wenn man Pech hat, versaut es einem die Tour. Aber das sind ein paar Gramm mehr einfach nicht wert.

    Alles Gute und noch eine schöne und schmerzfreie Tour!

    Jens

    1. Hi Jens,
      Hi Thorsten,

      Interessanterweise bin ich mit den halbhohen Schuhen beim Wandern deutlich weniger umgeknickt, als noch mit den Stiefeln. Ob ein hoher Schuh die Verletzung verhindert hätte, kann man jetzt natürlich nicht mehr sagen. Ich wage es aber zu bezweifeln. Bewusster Blick nach unten ist jetzt mein Motto :)

      Danke euch :)

      LG Alex

  3. Hey Alex,
    gut das es deinem Knöchel so schnell wieder besser ging! Übrigens genau der Grund, warum ich mich trotz Ambitionen zu Gewichtseinsparungen für (schwerere) hohe Wanderstiefel entschieden habe ;)
    Viel Spaß noch auf der weiteren Tour!

    Beste Grüße,
    Thorsten

  4. Hi Alex,

    das hört sich nach Glück im Unglück an. Das freut mich, dass ihr die Tour weitermachen könnt und der Knöchel wieder einigermassen fit ist.

    Die Erfahrung, wie es ist, wenn man durch einen Bänderriss gestoppt wird, durften wir mehrfach machen. Tobi ist ein sehr verletzungsfreudiger Typ. Er hat es geschafft, sich auf einem wirklich leichten Weg mit Wanderstiefeln das Aussenband im Knöchel zu reissen. Muss also nicht unbedingt sein, dass hohe Stiefel in deinem Fall etwas gebracht hätten.

    Es hilft wirklich nur, immer aufmerksam zu sein. Aber wer schafft das schon?

    Liebe Grüße
    Biene*summsumm*

    1. Hi Biene,

      das hört sich sehr schmerzhaft an. Es geht wohl nicht nur mir so. Ich denke, dass solche Verletzungen nie komplett auszuschließen sind.

      Viele Grüße,
      Alex

  5. Bin vorne über den Lenker „abgestiegen“ und dann beim Aufprall sehr ungünstig gelandet. Dabei ist der Knöchel umgeknickt und ich hab sofort gemerkt da ist jetzt was passiert…

  6. Ich habe eine teure Kamera geschreddert, weil ich unglücklich gelandet bin und und einmal auf den letzten 500 Metern einer Wanderung mir eine hässliche Verletzung am Handballen zugezogen. Beide Situationen sind durch Unachtsamkeit entstanden. Ich kann also dem Satz s.o. nur kräftig zustimmen.

    Deine Entscheidungen die heftige Strecke auszulassen und dem Fuß zunächst sanftes Wandern zu verpassen und die ganzen Einzelmaßnahmen waren offensichtlich sehr mit Erfolg gekrönt. Wohl dem, der im Fall des Falles den Kopf einschaltet.

    Weiter alles Gute
    Elke

  7. Schnelle Besserung!

    Holt ihr die ausgelassenen Etappen am Ende nach? Aber im Prinzip ist es jetzt schon kein wirklicher „Thru Hike“ mehr ;-)
    Aber sei froh, dass dir deine Partnerin so zugetan ist, denn gerade in den Bergen gibt es oftmals ominöse „Unachtsamkeiten“ die mit einer Beerdigung enden ;-) Die österr. Bergrettung schätzt, dass ca. 10% aller nicht geklärten Unfälle der Entsorgung von (Lebens-)Partnern dienen.

    Viel Spaß beim Wandern, Pausieren oder was auch immer, Fortsetzung des Berichts folgt bestimmt noch …

    1. Hi Sophie,

      Danke. Nach mittlerweile 6 Wochen nachdem Umknicken ist davon glücklicherweise nichts mehr zu spüren.

      „Nachholen“ werden wir erst einmal nichts. Ich bin auch nicht wirklich der Purist, der unbedingt jeden Meter gelaufen sein muss.

      Viele Grüße,
      Alex

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